Eine Frage des Charakters

themenbild
Wojciech Czaja im Gespräch mit Odile Decq

Odile Decq, die meisten Leute sagen, wenn sie Ihren Namen hören: Ah, die Punk-Lady aus Paris! Warum diese außergewöhnliche Frisur?
Punk-Lady aus Paris? Oui, c’est moi! Ich habe immer schon gerne mit den Haaren gearbeitet. Das ist für mich wie Kunst auf dem Kopf. Richtig ausgeufert ist das Ganze, als ich irgendwann Mitte der 80er-Jahre in London war und kurzfristig beschlossen habe, mir die Haare bunt zu färben. Teilweise gingen mir die Haare bis zum Hintern. Sie schimmerten in Gelb, Orange und Feuerrot. Es war wunderbar. Aber 2003 war dann Schluss damit. Die Haare waren völlig kaputt von der ganzen Farbchemie. Ich habe sie mir abschneiden lassen und seitdem trage ich diese – wie Sie sagen – außergewöhnliche Frisur auf dem Kopf.

Welchen Stellenwert haben Mode und Outfit für Sie?

Das Bild nach außen ist für mich Ausdruck meiner Persönlichkeit. Schließlich ist Mode etwas sehr Intimes. Es ist das erste Material beziehungsweise der erste Gegenstand, der die nackte Haut berührt. Und das viele Stunden am Tag. Zu meinem konkreten Kleidungsstil: Ich habe in den 70er-Jahren begonnen, Schwarz zu tragen. Damals war das Outfit noch etwas härter, weil ich fast ausschließlich Leder getragen habe. Schwarze Kleidung ist eigentlich ganz praktisch. Sie müssen nicht über die Farbe nachdenken, nicht über das Label, nicht über den Preis. Das Einzige, was zählt, sind Form und Material. Ein spannendes Spiel am Körper. Es ist wie in der Architektur.

Dass Schwarz nur eine Frage der Bequemlichkeit ist, nehme ich Ihnen nicht ab.
Nein, mittlerweile ist es eine Frage meines Charakters. Vor kurzer Zeit habe ich in einem Schaufenster einen Rock von Issey Miyake gesehen. Fabelhaft. Über den Makel, dass er nicht schwarz, sondern orange war, habe ich beim Kauf hinweggesehen. Ich dachte mir: Ach, Odile, ein bisschen Farbe wird Dir schon guttun. Und wissen Sie was? Ich kann das Ding nicht tragen, es hängt seitdem im Schrank. Jedes Mal, wenn ich es anziehe, erkenne ich mich nicht wieder. Ohne Schwarz keine Odile. Ein Luxusproblem.

Alles ist schwarz, sogar Ihre eigene Wohnung scheint von oben bis unten dunkel getüncht. Einzig und allein Ihre Projekte kommen auffällig farbig daher. Warum?
Es ist lustig. Wenn mich meine Kunden anschauen, dann sagen sie immer alle: Bitte nichts Schwarzes! Und ich sage dann: Warum haben Sie Angst, dass ich etwas Schwarzes mache? Nur weil ich Schwarz trage, heißt das nicht, dass meine Architektur auch schwarz sein muss. Ganz im Gegenteil: Meine Architektur lebt von kräftigen Farben. Das ist ein sehr wichtiges Element in meinen Projekten.

Haben Sie eine Lieblingsfarbe?
Es gibt viele Farben, die ich mag. Aber am liebsten verwende ich Rot. Es ist eine kräftige und lebendige Farbe. Für mich ist es die Farbe des Lebens. So rot wie das Blut, das in uns allen fließt. Aber dafür kann ich Ihnen eine Farbe nennen, die ich überhaupt nicht mag – und zwar Grün. Ich sage Ihnen, ich hasse diese Farbe! Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, dass ich grüne Landschaften nicht mag. Ich brauche entweder die Großstadt oder das Meer. Alles, nur kein grünes Nichts im Landesinneren.

Warum das Meer?
Ich bin aus der Bretagne. Da wächst man mit dem Meer rundherum auf. Ich fühle mich dem Meer sehr verbunden. Seitdem ich 13 war, bin ich leidenschaftliche Seglerin. Das ist etwas sehr Entspannendes. Man gleitet dahin auf den Wellen und blickt rundherum auf tiefes sattes Blau. Das Schönste am Meer ist für mich der Horizont. Und das Schönste am Horizont ist, dass man ihn nie erreicht. Es ist wichtig, dass manche Wünsche niemals in Erfüllung gehen. Nur so bleibt man am Leben.

Das klingt nach Sisyphos.
Ja, aber viel besser.

Leiden Sie manchmal?

Immer wieder.

Darf ich Ihnen ein paar Fragen zu Benoît Cornette stellen?
Bitte fragen Sie.

Wie sind Sie mit seinem Tod zurechtgekommen, als er 1998 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam?
Es war der größte Einschnitt in meinem Leben, denn ich habe gleichzeitig meinen privaten und beruflichen Partner verloren. Sie müssen sich vorstellen: Wir haben ein sehr intensives und symbiotisches Leben geführt. Ich hätte mir nie im Leben vorstellen können, dass es uns beide eines Tages nicht mehr geben würde. Aber so kam es halt. Ich musste mich komplett neu orientieren und organisieren. Hinzu kam, dass ich damals auch im Auto saß und selbst nur mit schwersten Verletzungen davongekommen bin. Auch in physischer Hinsicht musste ich mich erst wieder aufrappeln. Ich denke, dass ich aus einem einzigen Grund überlebt habe. Und zwar, weil ich für mich beschlossen habe, dass ich Benoît in mir weiterleben lassen möchte. Die Odile nach dem Unfall ist also eine ganz andere als die davor.

In der offiziellen Bürobezeichnung führen Sie seinen Namen weiter.
Ich hätte das Büro ohne ihn niemals aufbauen können. Er war und ist bis heute ein wichtiger Teil meiner Arbeit und meines Lebens. Und deswegen heißt das Büro Odile Decq Benoît Cornette, kurz ODBC.

Hat sich Ihre Arbeit nach dem Tod Benoîts verändert?
Vom organisatorischen Standpunkt her ist es natürlich ein großer Unterschied, ob man alleine oder zu zweit in einer privaten und beruflichen Partnerschaft lebt. Das ist nicht miteinander vergleichbar. Doch das wirklich Interessante waren die Reaktionen der Kollegen. Sie haben mir nicht zugetraut, dass ich im Stande bin, allein zu überleben. Als ich dann selbständig meinen ersten Wettbewerb gewonnen habe, sind einige Architekten zu mir gekommen und meinten: Gratulation zum Gewinn, wir waren uns nicht sicher, ob Du das allein überhaupt schaffst oder nicht. Und ich dachte mir: Fuck you!

Haben Sie es in Ihren Augen geschafft?
Das Büro hat sich gut entwickelt. In den letzten fünf Jahren haben wir an etwa 60 Projekten gearbeitet. Pro Jahr nehmen wir an fünf bis zehn Wettbewerben teil. Es läuft also ganz gut.

Viele Projekte von Ihnen liegen an der Schnittstelle zwischen Kunst und Architektur. Wie kommt es dazu?
Schon als Kind, kann ich mich erinnern, habe ich mich für Kunst interessiert. Und zwar so sehr, dass ich nach der Schule begonnen habe, Kunstgeschichte zu studieren. Das hat natürlich abgefärbt. Benoît und ich haben zu Beginn sehr viele Ausstellungsgestaltungen gemacht. Es war eine sehr schöne Arbeit, denn im Gegensatz zum herkömmlichen Job als Architektin läuft man bei Kunstausstellungen nicht nur Bauherren, Behörden und Architekten über den Weg, sondern ganz normalen Leuten, jung und alt, wie du und ich. Kunst ist bis heute eine Quelle für meine Architektur geblieben.

Inwiefern?
Ich denke mir jeden Tag, dass ich endlich wieder malen muss. So wie früher. Ich habe so große Lust, aber leider überhaupt keine Zeit. Ganz selten passiert es auch heute noch, dass wir Projekte für Künstler und Galerien machen. Ich liebe das.

Sie bauen sehr viel im Ausland. Sind Sie viel unterwegs?
Sehr viel. Ich bin jede Woche mindestens einmal auf Achse. Heute Rom, morgen Rabat. Dann wieder Nizza und Istanbul, die weiteren Reisen führen mich nach China und nach Südkorea. Es ist ein aufregendes Leben, ich gebe es zu.

Was bedeutet Reisen für Sie?
Es ist wie Urlaub. Am liebsten reise ich mit dem Flugzeug. Dann schließe ich die Augen und genieße die Reise durch Ort und Zeit. Ich finde es faszinierend, wie schnell man heutzutage den Ort wechseln kann. Meistens sitze ich im Flugzeug, schaue in die Luft oder sehe mir einen Film an. Das Schönste am Reisen ist für mich das Kennenlernen neuer Menschen, neuer Kulturen und neuer Essgewohnheiten. Sie müssen wissen, ich esse für mein Leben gern. Es gibt nichts Tolleres, als fremde Speisen auszuprobieren. Ein Abenteuer! Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich eine von denen bin, die die Welt kennenlernen müssen, bevor sie bereit sind zu sterben.

Wo bauen Sie am liebsten?
China ist ein sehr engagiertes und euphorisches Land. Es macht richtig Spaß, dort als Architektin tätig zu sein. Doch in Wahrheit haben die Chinesen so viele gute Architekten, dass sie uns eigentlich gar nicht brauchen. Jetzt am Anfang eignen sich die europäischen und amerikanischen Architekten sehr gut zum Name-Dropping. Aber das wird sich bald ändern. Ich schätze, dass in ein paar Jahren kaum noch ausländische Architekten in China bauen werden.

Fühlen Sie sich in der Ferne wohler als im eigenen Land?
Ja und nein. Die Architekturszene in Frankreich ist sehr schwierig. Einerseits gibt es ein paar Architekten, die ich sehr schätze, andererseits gibt es viele Leute, die alle das Gleiche machen. Das ist todlangweilig. Es gibt sogar eine Gruppe von Leuten, die ihren Stil als „French Dutch“ bezeichnen. Das ist zum Kotzen. Aber alles in allem fühle ichmich in Frankreich sehr wohl. Das große Problem sind jedoch die Wettbewerbe. Wer an einem nationalen öffentlichen Wettbewerb teilnehmen möchte, muss erst einmal von einer Kommission ausgesucht werden. Die Auflagen, die man dabei erfüllen muss, sind sehr streng. Ich habe nichts dagegen, wenn ich an einem Wettbewerb teilnehme und nicht gewinne. So ist das Leben. Wenn andere besser sind, dann nur zu, dann sollen sie bauen! Wirklich ärgerlich ist die Sache aber, wenn man nicht ausgesucht wird und dadurch nicht einmal teilnehmen darf. Als Architektin ist man in so einer Situation absolut ausgeliefert. Diese Ohnmacht macht einen manchmal kaputt.

Sie haben einmal gesagt, Architektur müsse immer ernst und seriös sein. Warum eigentlich?
Architektur darf und soll zweifelsohne eine genussvolle Sache sein. Aber man muss sie mit Ernst betreiben. Gegenüber dem Auftraggeber sind Sie zu Loyalität und Seriosität verpflichtet, gegenüber der Öffentlichkeit tragen Sie ethische und moralische Verantwortung. Da gibt es nur wenig Spielraum für Witz und Sarkasmus.

Das klingt lustig aus dem Munde einer Frau im schwarzen Gothic-Look.
Lassen Sie sich nicht täuschen!


Odile Decq, 1955 im französischen Laval geboren, studierte Architektur an der École d’Architecture de Paris — La Villette und Stadtplanung am Institut d’Études Politiques in Paris. 1980 gründete sie ihr eigenes Architekturbüro, fünf Jahre später begann die Büropartnerschaft ODBC mit Benoît Cornette. Cornette kam 1998 bei einem Verkehrsunfall ums Leben, Odile Decq überlebte schwerverletzt. Decq ist seit 1992 Professorin und seit 2007 Direktorin der École Spéciale d’Architecture in Paris und hatte zahlreiche Lehraufträge in Montreal, Paris, Wien, London und Grenoble. Sie gewann unter anderem den Goldenen Löwen der Internationalen Architekturbiennale in Venedig 1996 und wurde mit den Orden Commandeur des Arts et Lettres (2001) und Chevalier de la Légion d’Honneur (2003) ausgezeichnet.

www.odbc-paris.com

Zurück