Nadav Kander

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tl_files/build/interview/10_3/nadav_kander.jpgDIE BALANCE HALTEN
Ausgabe 03/2010
Ulrike Miebach im Gespräch mit Nadav Kander


Nadav Kander, Sie gehören zu den renommiertesten Fotografen und haben in den letzten Jahren jede Menge Auszeichnungen und Preise erhalten. Was war der Auslöser Ihrer Karriere; gab es so etwas wie einen Wendepunkt?
Ich denke nicht, dass ich so ein berühmter Fotograf bin, und es gab auch sicherlich keinen dramatischen Wendepunkt. Es war ein langsamer Aufbau. Meine Persönlichkeit beinhaltet keine großen „ups and downs“. Ich bin eine sehr ausgeglichene und konstante Person. Ich habe über die Jahre unaufhörlich ein Portfolio für die Menschen geschaffen, die meine Arbeiten mögen und verstehen.

Immerhin haben über 24 Millionen Menschen Ihre Portraits „Obama’s People“ im Internet gesehen. Das hat Ihrem Bekanntheitsgrad einen extremen Aufschwung verschafft.
Natürlich war das ein großer Sprung nach vorne. Diese Arbeiten und der Fotopreis Prix Pictet für meine Serie „Yangtze. The Long River“ waren bisher der wohl größte Schub in meiner Karriere. Aber ich bin kein „Society-Fotograf“, und ich sehe mich auch künftig nicht als ein solcher. Ich denke, dass meine Arbeiten nicht besser werden, wenn mein Ego mit involviert ist.

Ihr fotografisches Spektrum umfasst künstlerische, redaktionelle und kommerzielle sowie werbliche Arbeiten. Auf welche der genannten Disziplinen fokussieren Sie am meisten?
Ich versuche stets, die Balance zu halten. Das bezieht sich auf mein gesamtes Leben. Mein Motto ist: Ich versuche immer, mein Bestes zu geben. Mir ist es wichtig, ein guter Vater zu sein, einen angenehmen Lebensstandard zu haben und persönliche Arbeiten zu machen. Aber es ist genauso wichtig, zufriedenstellend kommerzielle Aufträge zu erledigen. Ich mache da keinen Unterschied, keinen qualitativen. Einzig und allein für meine persönlichen Arbeiten brauche ich manchmal ein bisschen mehr Zeit. Ich kann nicht ein paar Tage hier und dort damit verbringen. Da benötige ich schon mal eine geschlossene Periode von ein paar Wochen.

Sie haben zahlreiche Werbekampagnen fotografiert. Ist es heute überhaupt noch möglich, kommerzielle und werbliche Aufträge kreativ umzusetzen?
Ehrlich gesagt, es ist heutzutage unglaublich schwierig geworden. Und ich kann Ihnen gar nicht sagen, ob ich diese bis jetzt konsistente Qualität halten kann. Vor fünf Jahren habe ich nur Aufträge angenommen, die ich machen möchte, die für mich korrekt sind und kreativ meinen Vorstellungen entsprechen. Ich nehme heute immer noch nur Arbeit an, die für mich korrekt ist, aber der fordernde Einfluss der Kunden und die mangelnde Kampfbereitschaft der Werbeagenturen erschweren den Prozess. Und es liegt mir nicht, ständig meine Stellung behaupten zu müssen. Da wird das Fotografieren teilweise zu einer unerfreulichen Sache.

Sie haben bereits einige große Persönlichkeiten fotografiert. Wer steht bei Ihnen noch auf der Wunschliste?
Nelson Mandela wäre da ganz oben, aber das wird leider nicht mehr passieren, da er mittlerweile zu alt ist. Bob Dylan, Putin, Gorbatschow interessieren mich, kulturelle Ikonen. Menschen, die Veränderungen bewirkt haben: in der Musik, der Politik, der Wissenschaft. Menschen, die das 20. und 21. Jahrhundert geformt haben.

Ist es schwer, an diese Leute zu kommen?
Ich stelle allgemein nicht den ersten Kontakt her. Jedes Portrait, das ich in der Vergangenheit gemacht habe, ist entweder durch einen persönlichen Wunsch oder durch einen redaktionellen Auftrag entstanden. Ich bin wirklich sehr beschäftigt, und ich brauche für mich nicht noch mehr Arbeit zu generieren.

Wie sind Sie an den Obama-Auftrag gekommen?
Es war kein Auftrag im klassischen Sinn. Ich habe bereits öfter für die New York Times gearbeitet. Foto-Direktorin Kathy Ryan, deren Arbeit und Zusammenarbeit ich sehr schätze, rief mich an, und wir diskutierten darüber, wie ich mir solch eine Realisation vorstellen könnte. Schließlich hatten wir die Idee, alle Personen im vermeintlich ähnlichen Stil und Duktus zu fotografieren. Indem wir sie alle so gleich und so nah nebeneinander zeigen, wird plötzlich offensichtlich, wie unterschiedlich sie sind. Besonders bemerkenswert ist dies, wenn Sie die Fotografien in voller und jeweils gleicher Größe, wie zurzeit im Museum The Kennedys, betrachten. Auf einmal kommen all die kleinen Unterschiede jeder Persönlichkeit an die Oberfläche. Mir ist und war von Beginn an wichtig, dass alle Aufnahmen eine Serie bilden.

Gab es Probleme während des Shootings?
Sagen wir so, es war nicht einfach, besonders das Farbportrait von Herrn Obama. Ich benötige für solche Aufnahmen selbstverständlich mein aufwändiges Equipment, und dies in das Büro des Präsidenten zu bekommen, war nicht einfach. Die Demokratische Administration mag so etwas nicht. Dazu kommt, dass die Demokratische Führung transparente, formelle Aufnahmen bevorzugt, Bilder im J. F. Kennedy-Stil. Dies ist aber nicht die Art, wie ich arbeite. Es war schwierig für sie zu verstehen, dass ich mein Licht-Equipment und meinen Assistenten brauche. Es war anstrengend, sie zu überzeugen. Außerdem war es unheimlich heiß, und ich war da in meinem Anzug, schwitzend. Das sind wirklich keine guten Vorgaben für eine Portrait-Sitzung. Insgesamt hatten wir 30 Minuten. Wir redeten eine Weile, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass wir wirklich verbunden waren. Und dann hatten wir noch zehn Minuten für das Portrait. Ich hatte in diesem Moment keine gute Empfindung. Aber am Ende ist das Resultat sehr schön geworden. Ich habe ein Bild von ihm, das ich wirklich sehr mag.

Was ist für Sie ein gutes Foto?
Für mich persönlich bedeutet ein gutes Foto, etwas über den Fotografen und Künstler zu erfahren. Mich interessiert nicht der maßgebliche Augenblick. Mich interessieren keine Bilder von kolossalen Momenten, mich fasziniert das menschliche Verhalten und sein Zustand. Mich berühren Bilder, die ein Gefühl vermitteln und mich reagieren lassen.

Wenn ich Ihre Fotografien betrachte, empfinde ich stets eine gewisse Stille, Abgeschiedenheit und fast surreale Befremdnis, egal ob es sich um Landschaftsaufnahmen oder ein Portrait handelt. Stimmen Sie zu, dass dies Ihr persönlicher Stil, Ihre Note ist?
Ich vermute mal; aber es ist etwas, was ich nicht vollends erklären kann. All diese nachgesagten Attribute meiner Bilder wie „nachdenklich, ruhig, verlassen, versonnen, distanziert“ üben anscheinend eine ungemeine Faszination auf mich aus, und das spiegelt sich in meinen Landschaftsaufnahmen wie auch gleichermaßen in meinen Portraits wider.

Folgen Sie einer bestimmten Arbeitsmethode?
Ich beginne einfach und sehe was passiert, so arbeite ich. Ich denke nicht in Form von Ideen und versuche, sie dann zu realisieren. Ich fotografiere, und wenn es sich richtig anfühlt, erzählen mir der Prozess und das Resultat, warum es mich fasziniert.


Nadav Kander wurde 1961 in Israel geboren und wuchs im südafrikanischen Johannesburg auf. 1986 zog er nach London. Kander zählt zu den renommiertesten Fotografen der Gegenwart; seine Portraits und Landschaftsaufnahmen sind in Magazinen wie dem Sunday Times Magazine, Rolling Stone, Another Man und Dazed & Confused erschienen. Im Jahr 2009 widmete das New York Times Magazine Kanders Serie „Obama’s People“ –– 52 Portraits von Barack Obama, seinem gesamten Ministerstab und seinen engsten Mitarbeitern –– eine komplette Ausgabe. 2009 wurde Nadav Kander im Rahmen der Annual Lucie Awards zum International Photographer of the Year ernannt. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2009 den renommierten Fotopreis Prix Pictet. Darüber hinaus produziert Kander preisgekrönte Werbekampagnen für Kunden wie Nike, Levi’s, Silk Cut und GM.
In der Berliner Galerie Camera Work ist am 30. April 2010 die Ausstellung „Nadav Kander. Selected“ zu Ende gegangen. Ebenfalls in Berlin ist noch bis zum 31. Oktober 2010 die Ausstellung „Obama’s People“ im Museum The Kennedys zu sehen.
www.nadavkander.com
www.camerawork.de
www.thekennedys.de


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