David Adjaye
CHANCE DER INSPIRATION
Ausgabe 04/2010Andreas Tölke im Gespräch mit David Adjaye
David Adjaye, Sie haben 1994 Ihr Büro eröffnet und seitdem unter anderem auch mit Künstlern wie Chris Ofili etwa für die Biennale in Venedig 2003 und Olafur Eliasson für die Biennale 2005 zusammengearbeitet. Was macht den Reiz am Interdisziplinären aus?
Die Chance der Inspiration. Ich habe Pavillons für diverse Museen entworfen und gebaut, bin – nicht nur darüber, aber auch – mit der Kunstwelt in Berührung gekommen und mag den Kontext, der eine größere Freiheit in der Kreation bietet, als dies ein deutlicher auf die Nutzung orientiertes Wohn- oder Arbeitsgebäude kann. Es ist eine Seite meiner Profession. Aus zwei Seiten wird eine Medaille... Aber generell brauche ich Grenzen, um wirklich gut zu sein.
Sie haben vor der Architektur Kunst studiert.
Und ich habe es aufgegeben, weil genau diese Grenzen gefehlt haben.
Den Durchbruch hatten Sie 2002 mit dem so genannten „Dirty House“ in London – ein umgebauter alter Lagerschuppen, den Sie schwarz angestrichen haben, mit einer schweren, fetten Farbe, mit der sonst nur Stromkästen gegen Graffiti und Plakatkleber geschützt werden. Kunst als Bau?
Eine Stadt ist ein Ort der gemischten Gefühle, oberflächlich Schönes neben Scheußlichkeiten. Gerade in England wird entweder extrem konservativ gebaut, spießig-viktorianisch, oder intellektuell unterkühlt. Für mich ist Urbanität also Widerspruch – warum sollte man den in der Architektur nicht spüren?
Neben Architektur entwerfen Sie auch Möbel. Ihre Möbel-Editionen sind ein Experimentierfeld, befreit von den Zwängen und Einschränkungen, die eine industrielle Serie normalerweise mit sich bringt. Gleichzeitig ist dieser Punkt genau das Manko: Miniauflagen für Betuchte.
Im Objektdesign ist es ja so: Wenn es gut läuft, entstehen Objekte, die für eine weitere Entwicklung im Design in formaler, konzeptioneller oder produktions- bzw. materialtechnischer Hinsicht inspirierend und wegweisend sein können. Im schlimmsten Fall entstehen total überflüssige, zwitterhafte Objekte, die weder durch ihre künstlerischen noch durch ihre gestalterischen Qualitäten überzeugen können. Um es deutlich zu sagen: schön anzuschauen und zu nichts zu gebrauchen. Mir waren Funktionalität und Ästhetik ein Anliegen. Ob und wie daraus eine industriell gefertigte Serie entsteht, liegt nicht mehr in meinen Händen. Möglich ist es.
Lässt sich die Formensprache Ihrer Möbel auf Ihre Architektur übertragen?
Es gibt einen gravierenden Unterschied: die Macht des Materials. Statik in Möbeln ist ein ganz anderes Thema als in Gebäuden. Gebäude sind Layer, Schichten, die sich aufbauen und die miteinander arbeiten. Manchmal auch gegeneinander... Minimalistische Designs im Möbelbereich können allerdings durchaus eine Miniaturvorlage für Gebäude sein.
Sie gehen undogmatisch mit Materialien um – mixen High Tech mit Natur. Macht das die Sache nicht deutlich schwieriger?
Wenn es bei einem Gebäude darum geht, eine Idee, einen Inhalt zu erläutern, dann greife ich zu Materialien, die die Idee unterstützen, bekräftigen und erläutern. Ich will Materialien nicht nutzen, weil sie eine bestimmte Leistung erbringen oder weil sie „schön“ sind. Mich bewegt vielmehr die Frage nach der Ethik im Kontext von Ästhetik und Entstehungsprozess.
Erklären Sie das bitte an einem Beispiel.
Beim Nobel Peace Centre in Oslo habe ich eine Aluminiumstruktur gewählt, die kristallin korrodiert – Stahl zum Beispiel wäre unglaublich kompliziert in der Verarbeitung durch die Beschichtung. Hätten wir Corten verwendet, wäre ein Drainagesystem von Nöten gewesen. Aluminium braucht kein massives Fundament. So weit zum Technischen. In Norwegen ist die Aluminiumindustrie sehr stark – das ist nicht unproblematisch aus Sicht des Umweltschutzes – und vielleicht ist sie auch deshalb beinahe unsichtbar. Das zeigen wir auch mit dem Gebäude. Und haben es zugleich so konstruiert, dass es in Würde altert.
Sie sprachen bereits zuvor von der Bedeutung von Widersprüchlichkeit. Ihre Widersprüche liegen schon in der eigenen Biografie: geboren in Tansania, Sohn eines ghanaischen Diplomaten, aufgewachsen in Ägypten, im Jemen, im Libanon, schließlich in London. Sie mussten immer wieder neu anfangen.
Und ich habe meine Wurzellosigkeit meinen Eltern oft vorgeworfen. Ich war Christ im Islam, Afrikaner im weißen London. Aber vielleicht hat mich das auch gestärkt, vielleicht hat mich das auch immun gemacht gegen Dogmen.
Dogma oder Stil? Sie lassen sich – betrachtet man Ihre Arbeiten unter diesem Aspekt – kaum festlegen.
Wo viel Banales gebaut wird, gilt man schnell als radikal. Aber ich habe natürlich meine Prägungen. Meine Jahre bei David Chipperfield waren und sind mir sehr wichtig. Ich will aber kein zweiter David Chipperfield werden, ich musste mich – um ehrlich zu sein – danach auch frei strampeln. Es ist fast blöd, wenn man zu Beginn seiner Karriere bei einem „Helden“ arbeitet, gegen den man ästhetisch kaum rebellieren kann.
Aus dem Schatten zu treten, bedeutet auch, sich selber ein Profil zu geben.
Und dazu gehört Marketing. Ich habe am Anfang völlig unterschätzt, wie wichtig der Show-Anteil in diesem Beruf ist. Man muss sich selbst darstellen können. Nur die Arbeiten sprechen zu lassen, reicht nicht; man muss raus und kommunizieren. Niemand gibt einem Aufträge respektive Geld, wenn man nicht die eigenen Fähigkeiten transparent macht. Das Manko dabei ist, dass das Privatleben eine immer geringere Rolle spielt. Ich habe kaum Zeit für mich.
Gehört der Glamour dazu? Sie haben für den unlängst verstorbenen Modemacher Alexander McQueen gebaut, den Schauspieler Ewan McGregor und den schon erwähnten Künstler Chris Ofili.
Das öffnet Türen. Aber das Schönste daran war, dass die drei mir in einem hohen Maße vertraut haben und ich sehr frei arbeiten konnte. Ich denke, das sieht man den Häusern an. Aber Ruhm an und für sich ist mir egal. Mich interessiert, dass meine Arbeit wahrgenommen wird.
Arbeit bzw. Arbeiten, die, um das noch mal anzusprechen, einer definierten Ethik unterworfen sind. Ist auch das ein Resultat der persönlichen Entwurzelung?
Bestimmt. Sie spielen auch auf die afrikanischen Einflüsse an, vermute ich mal. Dabei interessiert mich nicht nur der kulturelle Background, sondern auch das, was heute gerne mit „Sustainability“ bezeichnet wird. Die Bauweisen mit Chicka, einem Gemisch aus Sand, Stroh und Wasser, mit dem in Äthiopien vor Jahrhunderten gebaut wurde und immer noch gebaut wird, sind das beste Beispiel. Minimaler Herstellungsaufwand, optimaler Nutzeffekt. Ein ausgewogenes Verhältnis von Bauaufwand und Nutzbarkeit. Das ist quasi unerreicht – und ein Vorbild. Ich habe mein Haus in Afrika so gebaut.
Sie sind ein Global Player. Sie haben drei Büros, eins in New York, eins in London, eins in Berlin. Was ist die Verbindung?
Dass alle nach meinem Verständnis kleine Ateliers sind. Ateliers, die mit Materialien experimentieren und in denen sich immer wieder die Frage gestellt wird: Was ist Architektur?
Und? Gibt es Antworten?
Nur dass das Wort kaum mit Inhalten zu füllen ist, da es total strapaziert wird. Nehmen Sie nur als Beispiel: die „Architektur der Sprache“. Was heißt das? Die Architektur-Industrie jedenfalls verzeichnet gerade in turbulenten Zeiten eine Tendenz zu einem Höchstmaß an Sicherheit; es werden weniger Risiken eingegangen, gerade was die Ästhetik angeht. Und das ist eine Stagnation, die einen Einfluss auf unser aller Leben hat – in einem negativen Sinne. Es gibt nichts Schlimmeres als Uniformität. Wichtig ist, die Dinge komplexer zu verstehen und all das einzubeziehen, was möglich ist. Nicht umsonst habe ich über äthiopische Lehmbauten gesprochen und darüber, wie wegweisend sie sind.
David Adjaye, geboren 1966 in Daressalam, Tansania, studierte an der Middlesex University, an der South Bank University und am Royal College of Art in London; danach arbeitete er unter anderem bei David Chipperfield Architects, London, und bei Eduardo Souto de Moura Architects, Porto. 1994 gründete er mit William Russel das Büro Adjaye and Russell, 2000 formierte er sein Büro zu Adjaye Associates, mit Hauptsitz in London und heutigen Niederlassungen in Berlin und New York. Der insbesondere für seinen Umgang mit Material und Licht bekannt gewordene Architekt bearbeitet Projekte unterschiedlichsten Maßstabs, darunter Kooperationen mit den Künstlern Chris Ofili und Olafur Eliasson, Ausstellungsgestaltungen, Pavillons, Privathäuser, öffentliche Bauten, Masterpläne, aber auch Möbel. Adjaye lehrte und lehrt unter anderem an der Architectural Association, dem Royal College of Art in London, der University of Pennsylvania (als erster Louis Khan Visiting Professor), der Harvard’s Graduate School of Design (Kenzo Tange Professor in Architecture) und der Princeton University.
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