Christoph Mäckler

Maeckler
tl_files/build/interview/10_4/Christoph_Maeckler.jpgDIE SCHÖNHEIT DER STADT
Ausgabe 04/2010
Ralf F. Broekman und Olaf Winkler im Gespräch mit Christoph Mäckler


Christoph Mäckler, Ihre Arbeit umfasst skulpturale Architekturen ebenso wie strukturelle Untersuchungen zu städtischen Räumen, Referenzen an die klassische Moderne ebenso wie eine gewisse Stabilität, die auf tradierte, epochenübergreifende Ordnungssysteme verweist. Wie würden Sie selbst Ihre Architektur, die dahinter stehende Motivation beschreiben?
Wir arbeiten heute in einer Zeit des Umbruchs am Ende einer Moderne, deren Architekturen oft nur noch als Kunstwerke zu verstehen sind, die, nebeneinander gestellt, keinen stadträumlichen Sinn ergeben. Nach 100 Jahren muss sich die Architektur von Haltungen lösen, die sich ausschließlich aus der Idee der Überwindung des Kaiserreichs verstehen lassen. Da sich unsere gesellschaftspolitischen Grundlagen geändert haben, muss auch unsere Architektur eine andere sein. Die Gesellschaft friert und benötigt deshalb ein wenig mehr Wärme und Geborgenheit. Dieses versuche ich in meiner Arbeit umzusetzen.
 
Ihr Büro ist in Ihrer Geburtsstadt Frankfurt am Main beheimatet und viele Ihrer Projekte sind dort angesiedelt. Welche Rolle spielt regionale Verankerung und Kenntnis für die Arbeit des Architekten? Fühlen Sie sich als Frankfurter Architekt?
In allen Zeiten haben Architekten einen Ort gehabt, an dem sie besonders verwurzelt waren. Denken Sie an Weinbrenner, Schinkel, Theodor Fischer, Fritz Schumacher, Balthasar Neumann oder nehmen Sie Palladio. Sie alle hatten einen kulturellen Wirkungsbereich, in dem sie ihre Bauwerke konzipierten und aus dem sie ihre Ideen entwickelten. Die Ortskenntnis erleichtert das Arbeiten. Architektur muss sich mit dem Ort und seiner Geschichte auseinandersetzen, sonst ist sie belanglos und ohne Gehalt für unsere Kultur. Dass ich in Frankfurt am Main geschichtsträchtigen Orten wie der alten Mainbrücke, dem Opern- und dem Goetheplatz ein neues Gesicht geben kann, ist sehr schön, weil die Bauwerke maßgeblichen Einfluss auf den städtischen Raum nehmen und die Geschichte des Ortes neu formulieren. Es sind dies öffentliche Bauwerke ohne öffentliche Auftraggeber. Bauen ist immer auch öffentliches Bauen, was den Beruf nicht unbedingt einfacher macht. Und es braucht eine Politik, die geschichtsbewusst ist. Frankfurt am Main hat vor 70 Jahren seine Identität verloren. Diese muss man im Ausdruck unserer Zeit wiedergeben. Eine spannende Aufgabe, für die ein Menschenleben leider zu kurz ist. Ich würde hier gerne mehr eingreifen. Je stärker der Ort mit Geschichte befrachtet ist, desto schwieriger, aber auch spannender ist es, dort zu bauen. Eine der sicher größten Herausforderungen war und ist das Augustinermuseum in Freiburg oder unsere Arbeit im Barockpark Heeschenberg. 
 
Sie haben keine Angst vor großen, insbesondere auch hohen Gebäuden – ein Typus, der indes gerade auch im Hinblick auf Stadtentwicklung immer wieder kritisiert wird. Was unterscheidet ein gutes von einem schlechten Hochhaus, ein schönes von einem unschönen?
Ein gutes Hochhaus bindet sich ein und stärkt den Ort, an dem es steht. Ein gutes Hochhaus zeigt die Zeit, in der es entstanden ist, und hat doch eine zeitlose, unmodische Gestalt. Ein gutes Hochhaus ist nicht nur aus der Ferne schön, es besteht auch beim näheren Hinsehen. Ein gutes Hochhaus nutzt alle technischen Errungenschaften, ohne diese zur Schau zu tragen. Ein gutes Hochhaus ist hoch, ohne die Höhe zum einzigen Qualitätskriterium zu machen. Ein gutes Hochhaus hat selbstverständlich wirtschaftlich und funktional ausgetüftelte Grundrisse. Ein gutes Hochhaus braucht Analyse, Zeit und Erfahrung in architektonischer Gestaltung und technischem Wissen.
 
Da Sie von „zeitloser, unmodischer Gestalt“ sprechen: Welche Rolle spielt Zeichenhaftigkeit in der Architektur? Oder anders formuliert: Hat der Hang zu spektakulärer, medial weltweit wirksamer Architektur in den letzten Jahren den historischen Stellenwert von Zeichenhaftigkeit relativiert?
Die Zeichenhaftigkeit von Architektur relativiert sich mit jedem neuen Zeichen, das in die Welt gesetzt wird. Es ist eine Zeichenhaftigkeit, die keinem kollektiven Willen entspringt und damit mehr und mehr in die Kritik gerät. Zeichenhaftigkeit im Sinne spektakulärer „Look at me-Architecture“ deutet auf das manieristische Ende einer Epoche hin. Es ist dies eine Zeiterscheinung, der keine zu große Bedeutung beigemessen werden sollte, weil wir damit das Ende und nicht den Anfang von etwas Neuem artikulieren. Wenn es einen Fortschritt in der Architektur gibt, dann ist es der, auf Grundlage unserer Geschichte weiterzudenken.
 
Wie wichtig ist Ihnen der Begriff Schönheit beim Schaffen von Architektur? Wie gehen Sie mit der Problematik seiner Objektivierbarkeit um? Und inwieweit würden Sie soweit gehen, in diesem Begriff eine nicht nur ästhetische, sondern soziale Kategorie zu sehen?
Die Schönheit in der Architektur und im Städtebau ist von grundlegender Bedeutung. Dies lässt sich in vielen Texten aus den verschiedensten Jahrhunderten bis in unsere Zeit nachlesen und muss sicher nicht näher erläutert werden. Schönheit ist keine Geschmacksfrage. Objektivierbar wird sie unter anderem über die Proportionsgesetze und die Farbenlehre. Schönheit ist nicht nur ein ästhetischer Begriff, sondern hat selbstverständlich auch eine soziale Komponente. Der Mensch identifiziert sich mit der Schönheit des Ortes, unabhängig davon, ob es sich um einen mittelalterlichen Platz nach Camillo Sitte oder beispielsweise um die Sozialsiedlung Römerstadt von Ernst May in Frankfurt handelt.
 
Welche Bedeutung hat demnach in diesem Zusammenhang ein Verständnis kultureller Kontinuität bzw. kollektiver Erinnerung? Inwieweit stehen die fortschreitende gesellschaftliche Fragmentierung, die Entwicklung hin zu einer polyzentrischen Gesellschaft und der dazu parallel verlaufende Verlust gemeinsamer Wertvorstellungen einer – auch baulichen, zumindest aber im gewissen Sinne eindeutigen – Fortschreibung einer solchen Erinnerung entgegen?
Die polyzentrische Gesellschaft ist nur so lange polyzentrisch, wie sie fett ist. Entweder stirbt sie an zu viel Fett oder sie wird abmagern müssen. In abgemagerter Form wird sie wieder zu gemeinsamen Wertvorstellungen gelangen. In der Architektur führt dies zu mehr Selbstverständlichkeit, weg vom Kunstwerk, hin zum Bauwerk. Indem wir global denken, werden wir uns auf unsere regionalen Ressourcen und Fähigkeiten besinnen.
 
Sie haben vor zwei Jahren das Deutsche Institut für Stadtbaukunst an der TU Dortmund gegründet. Welche Aufgaben und Ziele verfolgt das Institut? Und inwieweit steht dieser Schritt im Zusammenhang mit einem möglichen Verlust – oder dem Versuch einer Erneuerung – des Charakters von Architektur und Städtebau als öffentliche, politische Aufgabe im und für das Gemeinwesen?
Der Begriff Stadtbaukunst beschreibt die Kunst, Stadt zu bauen. Die Kunst, Stadt zu bauen, ist uns verloren gegangen, weil wir sie in Einzeldisziplinen aufgeteilt haben, die sich mehr und mehr auseinander entwickelt haben. Der Raumplaner, der Verkehrsplaner, der Architekt oder der Bauingenieur, jeder arbeitet für sich an der Stadt und hält seine Disziplin für die Königsdisziplin. Die Spezialisierung der Berufsgruppen, die sich mit der Stadt beschäftigen, führt so, unkoordiniert, zu dem Chaos, wie es in unseren Städten heute sichtbar geworden ist. Gemeinsam mit meinem Kollegen Wolfgang Sonne, der die Kunst- und Baugeschichte an der TU Dortmund vertritt, versuche ich diesem Chaos Herr zu werden. Dabei erfahren wir von all jenen erheblichen Widerstand, die glauben, ihre Pfründe verteidigen zu müssen. Großen Zuspruch dagegen erfahren wir von denjenigen, die das Chaos wahrnehmen und das Ende dieses Zustandes herbeisehnen. So trafen sich auf unserer „Konferenz zur Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt“ Planer, Architekten, Soziologen, Kunsthistoriker, Schriftsteller, Architekturkritiker und Politiker. Diese Unterschiedlichkeit der Berufe spiegelt auch die Vielfalt der Arbeit des Instituts wider, die in Forschung und Lehre vom Wärmedurchgangswert einer Ziegelsteinfassade bis zum Ensemblecharakter eines Stadtbildes reicht. Das Ziel ist die Schönheit. So wie das ebenmäßige Gesicht eines Menschen erst durch Intelligenz zu Schönheit gelangt, so benötigt die schöne Stadt aber auch jene Attribute, die sie erst lebensfähig machen. Mit dem 10-Punkte-Programm zur Stadt, das wir auf der 1. Düsseldorfer Konferenz erarbeitet haben, sind die notwendigen Voraussetzungen zur Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt zunächst verdeutlicht worden. In den nächsten Konferenzen werden wir diese zehn Punkte aufarbeiten. „Einzelhandel und Stadt“ ist das Thema der 2. Konferenz, die am 24. und 25. März 2011 in Düsseldorf stattfinden wird.
 
Der wirtschaftliche Boom der asiatischen und arabischen Städte und die damit verbundene Konzentration vieler Architekturbüros auf diese Regionen sind durch die Finanzkrise relativiert, aber keineswegs gestoppt worden. Sie gelten als Verteidiger der europäischen Stadt – aber darum umso mehr die Frage: Welche Konsequenzen lassen sich aus den Entwicklungen in den dortigen Regionen ziehen, auch im Hinblick auf die Zukunft der europäischen Stadt? Sind die europäischen Städte auf die Dynamiken und die Geschwindigkeiten, die von außerhalb Europas auf sie einwirken werden, eingestellt?
Lieben Sie Weißwurst? Werden Sie die Liebe zur Weißwurst durch eine vermeintliche „Dynamik und Geschwindigkeit“, die auf uns einwirken soll, aufgeben? Wohl kaum! Warum sollte sich also die europäische Stadt verändern? Auf was sollte sie denn vorbereitet werden? Sie können ein die Medienbranche revolutionierendes Computerprogramm auch im Hinterhaus der Fachwerkstatt Butzbach schreiben. Warum sollten wir Butzbach also umbauen? Wenn es eine Konsequenz aus den Entwicklungen im asiatischen Raum für die europäische Stadt gibt, dann die, dass wir die Entwicklungen, die wir Europäer in den letzten zwei Jahrzehnten erst dorthin getragen haben, nicht wieder retransferieren sollten. Vor allem, weil es Ideen sind, die meist veraltet sind. Übrigens ist die überwiegende Zahl jener Architekturbüros, die sich auf die asiatischen Länder konzentriert haben, aus pekuniären Erwägungen dorthin gegangen.


Christoph Mäckler, geboren 1951 in Frankfurt am Main, studierte Architektur in Darmstadt und Aachen und arbeitete parallel dazu bereits in den Büros von Gottfried Böhm und Oswald Mathias Ungers. Mäckler leitet das Büro Prof. Christoph Mäckler Architekten in Frankfurt am Main und ist seit 1998 ordentlicher Professor für Städtebau an der TU Dortmund. Er hatte Gastprofessuren in Neapel, an der TU Braunschweig und der Universität Hannover. Im Jahr 2008 gründete er das Deutsche Institut für Stadtbaukunst an der TU Dortmund, das er gemeinsam mit Wolfgang Sonne leitet, und ist seitdem Berater für zahlreiche Städte.
www.chm.de


Zurück