Ai Weiwei
VON BEIDEN SEITEN
Ausgabe 03/2010Andreas Tölke im Gespräch mit Ai Weiwei
Ai Weiwei, Deutschland muss Ihnen im Vergleich zu China ja ganz schön langweilig vorkommen?
Entschuldigen Sie, dass ich das so offen sage: ja. Aber lassen Sie es mich etwas diplomatischer ausdrücken: Es ist auf eine andere Art und Weise aufregend. In China findet aktuell das meiste an der Oberfläche statt. Mit allen Vor- und Nachteilen. Alles, was lange unter dem Deckel gehalten wurde, steigt jetzt auf.
Die Autorin Mian Mian, die oft als Chronistin der chinesischen Gegenwart beschrieben wird, sagte mir: Das, was Europäer an Kunst aus China sehen, ist keine chinesische Kunst. Stimmen Sie zu?
Wie definiert man das? Die traditionelle Kunst ist hinreichend erklärt und verständlich, auch für Europäer, die sich damit auseinandersetzen. Die moderne Kunst ist durch harte Zeiten gegangen, und bis heute wird zensiert, die Polizei kommt auf Vernissagen und schließt Ausstellungen oder verbietet, bestimmte Werke zu zeigen. Das kann einem Künstler den Lebensraum zerstören. Aber in den letzten fünf Jahren hat sich die Landschaft völlig verändert. In vielen Punkten auch sehr zum Positiven, es ist eben nur ein langsamer Prozess.
Also muss man differenzieren und über zeitgenössische Kunst sprechen?
Wenn wir von zeitgenössischer Kunst in China reden, dann können wir kaum das ganze Spektrum abdecken. Es gibt wenige Protagonisten, die weltbekannt sind. Yue Minjun, dessen Bilder mittlerweile vier Millionen Dollar kosten, ist einer davon. Ein gutes Beispiel für die Kommerzialisierung der chinesischen Kunst: Es dreht sich um Vermarktung und Preise. Nichtsdestotrotz – der ganz menschliche Kampf, als Künstler arbeiten zu können, wenn es um Inhalte und Umsetzungen geht, ist in China nicht anders als irgendwo sonst auf der Welt.
Der Vorwurf, der oft geäußert wird, zum Beispiel von Glenn D. Lowry, dem Direktor des MoMA, lautet: Chinesische Kunst wird meist für die westlichen Sehweisen und Bedürfnisse produziert und ist extrem auf den Preis ausgerichtet. Was ist mit der Authentizität?
Ja, das gibt es sicher auch. Es ist aber nicht notwendigerweise Fakt. Solche Vorwürfe kommen von Leuten, die nach China kommen, die bekannten Institutionen abgrasen und die Leute treffen, die eine Vorauswahl gemacht haben. Es sind oft nicht die Künstler, die intensiv arbeiten. Dafür sind es eben oft Künstler, die sich den Gesetzmäßigkeiten des westlichen Markts unterwerfen. Aber der Vorwurf der Kommerzialisierung gilt auch für westliche Künstler. Wer schafft es denn in Europa und Amerika? Diejenigen, die ein gutes Netzwerk haben und die im Zeitgeist produzieren. Ich bin sicher, es gibt weltweit Bewegungen, die ganz stark sind und die nicht zum Tragen kommen, aber kommen werden. In den letzten Jahren sieht man immer öfter bessere, solidere Arbeiten, die die lokalen Gegebenheiten reflektieren. Auch in China.
Hat Sie jemand besonders beeindruckt?
Natürlich! Es gibt chinesische Künstler, die sehr philosophisch arbeiten. Aber die Namen können sich Europäer nicht merken, geschweige denn schreiben.
Ich mag mich nicht zufrieden geben, dass Sie keine Künstler nennen wollen. Wenn man schon mal einen profunden Kenner der Szene trifft, ist es eine Chance, darüber etwas zu erfahren.
Das ist richtig. Es ist aber genauso wichtig, missverstanden zu werden und misszuverstehen. Das ist in der Kunst oft ein reinigender Prozess. Vergleichen wir das einfach mit der Küche: Die chinesische Kochkunst gibt es seit über 1.000 Jahren, es ist eine der besten der Welt. In Deutschland ein gutes chinesisches Restaurant zu finden, wird ganz schön schwer. Aber über den Weg dorthin macht man viele Erfahrungen. Selber. Und das wird ein viel umfassenderes Bild ergeben. Was bringt es zu wissen, dass man in China an jeder Ecke extrem preiswert großartig essen kann?
Man braucht eine Anleitung, um schlechte Erfahrungen nicht selber machen zum müssen.
Es gibt leider keine Abkürzung. Gerade weil China so lange isoliert war, ist es wichtig, sich dem Land langsam zu nähern. Es gibt so viele Vorurteile und Missverständnisse, die sich nicht mit ein paar Worten auflösen. Es wird lange dauern. Von beiden Seiten. Ich ganz persönlich finde auch nichts schlimm daran, wenn wir nie wirklich wahrgenommen oder erkannt werden. Es ist mir egal. Ich verkaufe mich nicht und ich werde das nie tun. Es macht Spaß, in einen Diskurs mit anderen Kulturen zu treten, es macht Spaß, offen über alles zu reden. Aber Empathie entwickeln? Das treibt mich nicht an.
Immerhin traten Sie in einen intensiven Diskurs mit Herzog & de Meuron als Berater für das Stadion in Peking.
Bei Herzog & de Meuron war ich neben dem Stadion, dem „Bird’s Nest“, an drei weiteren Projekten beteiligt. Aber es war nie meine Hauptarbeit. Ich habe zeitgleich meine Ausstellungsräume in Peking entworfen und gebaut. Die letzten sechs Jahre habe ich insgesamt fast 60 Projekte in China realisiert.
Neben Architektur engagieren Sie sich in der Kunstwelt – und auch da nicht nur als Künstler.
Ich veröffentliche Artikel, ich kuratiere Ausstellungen, ich habe einen Verlag, ich habe einen Blog, in dem ich jeden Tag schreibe. Ich habe allein im Blog über zwei Millionen Leser. Genug, um mich zu beschäftigen.
Warum holt sich China für Großprojekte so oft Top-Architekten aus dem Westen?
Weil wir keine große Oper haben. In puncto Architektur haben wir keine Tradition der gigantischen Gebäude. Keine römische Historie, in der schon in der Antike tausende von Menschen zusammengekommen sind. Und in den letzten Jahren konnte es in China schon ein Verbrechen sein, wenn drei oder vier Leute zusammenstanden. Es ist also eine Architektur, die wir gar nicht bewältigen können. Wir haben einen Innenhof, in dem sich die Familie trifft. Urbane Architektur für Ballungsräume verstehen wir nicht zu realisieren. Orte, an denen man die Stadt feiert, Orte für internationale Events müssen also von erfahrenen Architekten aus dem Ausland geschaffen werden. Es macht für uns ja auch keinen Sinn, eine chinesische Antwort auf den Computer zu erfinden, es gibt ja Computer. Chinesen sind viel zu pragmatisch.
Ist das nicht eine Art Imperialismus, wenn in kurzer Zeit einfach die Türen für westliche Errungenschaften geöffnet werden?
Nicht im Geringsten. Das wird oft und heftig kritisiert, auch im Land. Das ist eine alte Wahrnehmung, die bei uns auf den Lehren von Mao fußt. Man verliert das Gesicht und den Boden unter den Füßen. Das tut das System auch, es verliert an Boden und will über einen brutal missbrauchten Nationalismus wieder Boden gewinnen. Es wird eine Art Feindbild gegenüber der westlichen Kultur und westlicher Technologie aufgebaut, die auf Angst basiert. China hat sich ja selbst in der kommunistischen Lehre auf einen Westler berufen: Karl Marx. Diese Lehre hat China über die letzten 50 Jahre dominiert. Und die Struktur steht immer noch. Eine verheerende Struktur.
Können denn Produkte – respektive ein Umfeld – das Denken ändern?
Zur Hälfte. Es kommt auf den Umgang an. Wenn alle Menschen gleich gebildet wären, wenn alle den Zugang zu allen Informationen hätten, wenn alle wüssten, was richtig oder falsch ist, dann könnten sie sich entscheiden und eine Meinung bilden. Wir glauben ja leider oft, dass wir alle mit den gleichen Grundvoraussetzungen geboren werden. Wie sich China heute präsentiert, das ist nur eine Fußnote in der Geschichte. In den 2.000 Jahren unserer Kultur war es je 300 Jahre von den Mongolen und Mandschuren besetzt. 600 Jahre also. Wir sind von den Persern beeinflusst. Was ist also China? Was in den letzten 20 Jahren passiert ist, ist fantastisch. Mir ist der Einfluss aus dem Westen aber noch viel zu wenig.
Haben Sie keine Angst vor Identitätsverlust?
Nein. Wir wachsen. Wenn man Milch in den Kaffee tropft, ist der Kaffee immer noch da. Unsere Kultur hat das Potential, aus sich zu wachsen. Wir sind uns auch sicher. Tokio, New York und Rio haben ja auch Einflüsse übernommen, sind aber in ihrer kulturellen Identität einzigartig.
Ai Weiwei, 1957 als Sohn des chinesischen Dichters und Regimekritikers Ai Qing geboren, zählt auch aufgrund seines politischen Engagements zu den bekanntesten chinesischen Künstlern. Er war künstlerischer Berater beim Entwurf des Nationalstadions in Peking durch Herzog & de Meuron für Olympia 2008 und kuratiert in Kooperation mit dem schweizer Büro das Projekt Ordos 100, bei dem 100 internationale Architekturbüros Häuser nahe der neuen Stadt Ordos in der inneren Mongolei planen.
Noch bis zum 20. September 2010 läuft im Duisburger Museum DKM die Ausstellung „Ai Weiwei. Barely Something“.
www.aiweiwei.com
www.stiftung-dkm.de








