Miles Aldridge
LUST AN DER INSZENIERUNG
Ausgabe 04/2010Andreas Tölke im Gespräch mit Miles Aldridge
Miles Aldridge, Sie haben gerade für die diesjährige Mercedes-Benz Fashionweek in Berlin das so genannte „Key Visual“ mit Milla Jovovich fotografiert. Was für eine Rolle spielt Mode für Sie ganz persönlich?
Ich bin gestern aus Los Angeles angekommen – in Sandalen und Shorts. Mein Gepäck ist verschwunden. Und das vor der Pressekonferenz für ein Mode-Event. Das war wie in Fellinis „8 1/2“, als der Regisseur im Hotel gefangen ist, weil er nichts anzuziehen hat. Ich musste also zwischen halb zehn und zehn eine Grundausstattung beschaffen, um Miles Aldridge zu werden. Da merkt man, ohne das richtige Outfit zur richtigen Zeit ist man ein Freak. Außerdem ist meine Frau Model, da ergibt es sich automatisch, dass man sich auch privat mit Mode beschäftigt.
Waren Sie schon mal in Berlin?
Es ist das erste Mal. Aber viele meiner Helden stammen von hier. Ein Ort, der viele Referenzen hat, von expressionistischen Malern bis zu Architekten. Und natürlich Helmut Newton, der hier seine Wurzeln hat. Fritz Lang muss ich noch erwähnen.
Wir treffen uns am Strausberger Platz, dem Beginn der Karl-Marx-Allee, Europas längstem zusammenhängenden Baudenkmal. Wie empfinden Sie die Architektur?
Sie ist ein wenig wie meine Fotografie: sehr kühl, sehr distanziert, und man ahnt, dass sich dahinter etwas verbirgt. Eine unausgesprochene Sehnsucht, eine Lust an der Inszenierung, die wahnsinnige Idee, dass es etwas „Übermenschliches“ gibt, und die Vision, die Realität verschwinden zu lassen.
Bei all den Inszenierungen auf Ihren Bildern könnte man vermuten, dass Sie auch ein Faible für Architektur haben. Stimmt das?
Ich schätze gute Architektur. Ich mag Tadao Ando sehr. Aber als Fotograf will man ja immer selber der Star sein – darum integriere ich Architektur nicht in meine Bilder, sie würde bei meinen Sujets zu sehr von dem ablenken, was ich vermitteln will. Meine Bilder sollen zeitlos, für jeden Tag, funktionieren, und Architektur hat immer eine Referenz, die verortet, was wann fotografiert wurde.
Ich habe mich im Vorfeld zu unserem Gespräch mit zwei Frauen unterhalten, um die weibliche Sicht auf Ihre Bilder zu verstehen. Beide waren angetan und würden sich Motive zuhause aufhängen. Erstaunt Sie das?
Ich heroisiere Frauen doch, warum sollte sie das also nicht ansprechen? Die Frauen in meinen Fotos werden auf ein Podest gehoben, sie sind alterslos, sind perfekt ausgeleuchtet, sind Heldinnen, selbst in den alltäglichsten Situationen.
Sind Sie ein Feminist?
Ich werde immer nach dem Einfluss meines Vaters auf meine Arbeit gefragt. Er hat für die Beatles Cover gestaltet. Nie werde ich nach meiner Mutter gefragt, dabei ist sie diejenige, die mich geprägt hat. Mit ihr bin ich aufgewachsen. Und zu sehen, wie diese Frau den Abwasch macht, die Betten, uns von der Schule abholt – all diese Alltäglichkeiten haben mich geprägt. All diese Frauen in meinem Umfeld, die sich ein schöneres Leben vorstellen als das, das sie gerade führen, weil sie von irgendeinem Deppen sitzen gelassen wurden, der sich auf die nächst jüngere stürzt, weil er eine Midlife-Crisis hat. Daher kommen auch die scheinbar abwesenden Gesichtsausdrücke der Frauen auf meinen Bildern. Ich habe – selbst bei der erotischen Darstellungsform, in der Frauen sich vorbeugen, halbnackt sind – einen ganz natürlichen Respekt vor ihnen und dem, was sie leisten. Auf meinen Bildern sind Frauen auch nie vulgär.
Trotzdem haben Ihre Frauen oft einen völlig leeren Ausdruck; sie wirken nicht wie die Heldinnen Ihres Universums.
Wenn ich in einem Bus, einem Flugzeug oder einer Hotellobby sitze, dann sind diese Frauen um mich herum. In der ganzen Welt. Es sind die Mittel- bis Oberklasse-Frauen, die Zeit für diesen Ausdruck haben, weil sie sich existentielle Fragen stellen können, aber keine Antworten finden. Eine Frau aus der Arbeiterklasse hat gar nicht die Zeit, sich zu fragen, ob sie ihr Leben nicht sinnvoller gestalten soll. Es ist eine Form der Unbefriedigtheit, die ein scheinbar unlösbarer Konflikt ist – die selbstgestellte Frage: Wenn ich all das aufgebe, was ich habe, was erreiche ich dann?
Das heißt, Ihre Arbeiten sind auf den zweiten Blick Ihr Kommentar zu einer gesellschaftspolitischen Frage?
Ich bin nicht politisch, weil ich nicht versuche, etwas zu ändern; ich stelle nur dar, was ich sehe. Der einzige Punkt, an dem ich politisch bin, ist meine ganz persönliche Diktatur, weil ich diktiere, was auf den Bildern zu sehen ist. Jeder, der mit mir arbeitet, muss das umsetzen, was ich will. Ich bin ein Kontrollfreak. Meine Bilder passieren auch nicht einfach, sie sind eine Inszenierung, zu der es viele Leute braucht. Auch unter diesem Aspekt stelle ich nicht die Wirklichkeit und – wenn man so sagen will – die Wahrheit dar.
Es sind ausgesprochen aufwändige Inszenierungen, die wahrscheinlich das Personal für ein Filmset brauchen.
Stimmt. Ich mache auch als erstes Zeichnungen und bespreche sie mit dem Set-Designer. Aber wenn ich ins Studio komme, versuche ich immer, möglichst naiv zu sein, und verhalte mich so, als ob ich alles zum ersten Mal sehe. Wie ein Kriegsfotograf, der nur eine Chance hat festzuhalten, was er sieht. Ich versuche, die Assistenten, die ganzen Menschen, die da sind, und den Aufbau zu vergessen und nur die Frau, die vor mir ist, zu sehen. Selbst wenn alles sehr technisch wirkt, ich sehe es wie eine Kinderzeichnung dieser Szene. Alles erklärt sich, nichts ist aus dem Fokus, keine Schatten stören.
Haben Sie angesichts dieses Aufwands je überlegt, direkt Filme zu machen?
Ich denke jeden Tag darüber nach. Aber das würde bedeuten, dass ich meinen wirklichen Job, nämlich Modefotograf zu sein, aufgeben müsste. Ich kann ja schlecht nebenher Filme machen, geschweige denn nebenher fotografieren. Ich glaube, dass ich Filme machen könnte. Aber ich bin auch so wahnsinnig viel unterwegs, komme gerade aus L.A., war vorher in Paris, muss jetzt weiter nach Wien...
Hört sich sehr glamourös an.
Und dann sitzt man allein im Hotel oder in irgendeiner Sushi-Bar.
Wollen Sie Mitleid?
Nein. Ich mag es zu reisen, ich fühle mich wie ein Student, wie ein Flüchtling. Ich bin mit 45 noch jung genug, um Spaß daran zu haben, in Venedig zu frühstücken und in New York zu Abend zu essen. Meine Bilder entspringen ja auch nicht nur meiner Fantasie, sondern entstehen auch über das, was ich sehe. Und auf vielen Reisen sieht man viel. Meine Sujets sind Puzzleteile aus den verschiedensten Situationen, die ich dann zusammensetze. Ein Bus in Paris, eine Frau, die in London ein Eis isst, eine, die in Los Angeles verschwitzt in einem Sportstudio steht – all das kann zu einem Bild zusammenkommen.
Verortet man Ihre Arbeit in einem fotografischen Koordinatensystem, könnte man sie zwischen David LaChapelle mit seinen fast surreal anmutenden Hochglanz-Phantasien und Nobuyoshi Arakis Sado-Maso-Universum sehen. Passt das?
Ich lebe ja nicht mit geschlossenen Augen – ich sehe ja, was produziert wird. Aber meine Geschichte lässt sich nicht mit David oder Araki vergleichen. Ich bin ein Londoner Junge, der von der frühen Scheidung seiner Eltern traumatisiert ist und sah, wie seine Mutter fast zerbrach. Ich habe diese gebrochene Frau gesehen und natürlich auch nackte Frauen in Magazinen. Beides waren Frauen, das hat mich natürlich verwirrt. Für einen pubertierenden Knaben ein unlösbarer Konflikt. Das ist meine Geschichte und meine Geschichte kann nicht kopiert werden, darum habe ich auch keine Angst vor Plagiaten.
Wer sind Ihre Vorbilder?
Helmut Newton – weil er sich selbst gegenüber immer treu war und seinen Fantasien gegenüber aufrichtig: Das ist, woran ich glaube. Und man muss einen starken Willen haben, um in der Branche zu überleben, um mit Top-Designern klarzukommen und mit Modemagazinen zu verhandeln.
Wovor haben Sie Angst?
Dass meine Bilder zum Masturbieren missbraucht werden.
Miles Aldridge wurde 1964 in London geboren. Während sein Vater, der Art Director Alan Aldridge, Artwork für die Beatles machte, wurde Aldridge von Eric Clapton von der Schule abgeholt, von Lord Snowdon fotografiert und wuchs umgeben von Pop Art, Rockmusik und dem Freundeskreis seines Vaters, darunter Elton John, David Bailey oder Eduardo Paolozzi, auf. Aldridge studierte am Central Saint Martins in London, widmete sich der Illustration und drehte Musikvideos, bevor er zur Fotografie kam. Er arbeitet für Magazine wie W, Vogue, Numéro oder The New York Times Magazine und für Kunden wie Paul Smith, YSL und Giorgio Armani. Für die Mercedes-Benz Fashionweek Berlin im Juli 2010 fotografierte Aldridge das so genannte „Key Visual“ mit Milla Jovovich. Aldridge ist mit dem Topmodel Kristen McMenamy verheiratet und lebt in London.
Zur Fashionweek eröffnete im CONTRIBUTED_Studio for the Arts in Berlin Miles Aldridges erste Einzelausstellung in Deutschland:
Miles Aldridge. 13 Women
Ausstellung bis 31. August 2010
CONTRIBUTED_Studio for the Arts, Berlin
www.contributed.de
www.milesaldridge.com











